Der frühe Vogel schreibt nicht meine Texte

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht. Ich höre das Zwitschern der Vögel vor meinem Fenster und die Blätter rascheln von der leichten Brise, die durch sie hindurchweht. Ganz ehrlich? Ich hasse das!

Tina

27. April 2021

Ich bin Pazifistin, aber von dem frühen Vogelgezwitscher bekomme ich Ego-Shooter-Fantasien. Und die Sonnenstrahlen versuche ich mit dunklen Vorhängen fernzuhalten, bis ich wirklich aufstehen muss. Schon in der Schulzeit war das frühe Aufstehen eine Qual für mich. An der Uni wählte ich bewusst späte Seminare und genoss es, mir meinen Tag selbst einteilen zu können. Der Großteil meiner Dissertation entstand nachts, wenn die Lerchen längst schliefen und Ruhe in den Straßen und Häusern herrschte. Die Dunkelheit wirkt noch heute wie eine warme Decke für meinen Geist. Ich kuschele mich in sie hinein und lasse meine Fantasie frei.

Seit der Geburt meines natürlichen Weckers ist es allerdings vorbei mit der perfekten Aufstehzeit. Mittlerweile ist das laute Etwas einen Meter groß und macht sich einen Spaß daraus, seine Mama jeden Morgen zu quälen. Sein neuester Trick ist ein 120 Dezibel lautes „Kikeriki“ direkt in mein Ohr, lange bevor die ersten Sonnenstrahlen die Erde kitzeln.

Wenn mein Kind in der Kita ist, trinke ich erst einmal in Ruhe eine Tasse Tee. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite ein paar E-Mails ab, schreibe Rechnungen, erledige lästige Verwaltungsangelegenheiten, verfasse Social-Media-Posts oder recherchiere Inhalte für meine Bücher – eben alles, was noch nicht mein volles schriftstellerisches Potenzial erfordert.

Frühestens ab 11 Uhr beginne ich mit dem Schreiben, idealerweise für etwa zwei Stunden. Dann mache ich eine Pause und schreibe danach nochmal etwa eine Stunde, bis ich meinen kleinen Wecker von der Kita abhole. Manchmal setze ich mich spätabends nochmal dran, aber nur, wenn ich in Stimmung dazu bin.

Die Zeit, die ich am Tag ausschließlich mit Schreiben verbringe, nimmt also nur zwei bis drei Stunden ein.

"Was für eine faule Autorensocke bist du denn?"

Eine unendlich faule Autorensocke! Allerdings nur dann, wenn du Quantität mit Qualität verwechselst. Für mich ist es die effizienteste Zeiteinteilung. In den „Schreibzeiten“ bleibt das Handy stumm und in einem anderen Zimmer. Ich schließe mein E-Mail-Programm, alle Social-Media-Kanäle und meine Tür. Diese Zeit gehört nur dem Verfassen von Prosa und den Texten für meine Kunden. Aus Erfahrung weiß ich: Wenn ich länger dran sitze, kommt garantiert nichts Gutes dabei heraus.

Gehörst du zu den Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich aufs Schreiben zu konzentrieren?

Natürlich gibt es viele Gründe, die dafür eine Rolle spielen könnten. Einer könnte sein, dass du deinen ganz persönlichen „Kreativitäts-Rhythmus“ noch nicht kennst.

Jeder Mensch hat seinen ureigenen Tagesrhythmus. Doch die meisten von uns ignorieren ihn, oder werden durch Job, Familie oder aus anderen Gründen aus ihrem Rhythmus herausgerissen. An manchen Faktoren kannst du etwas ändern, an anderen nicht.

Wichtig ist jedoch in Bezug auf das Schreiben, dass du herausfindest, wann du am effektivsten und kreativsten bist. Denn gutes Schreiben auf Knopfdruck ist zwar möglich, aber einerseits eine quälende Sache und andererseits nicht besonders effizient.

Drei Tipps, wie du deine schriftstellerische Muse erwecken kannst

Nachfolgend möchte ich dir ein paar Ideen an die Hand geben, mit denen du deinen Schreibprozess erleichtern kannst. Sie sind so einfach, wie effektiv:

1. Finde heraus, wann du am kreativsten bist

Jeder hat eine individuelle, gute Zeit für etwas. Mein Rhythmus ist für dich vielleicht genau falsch. Womöglich bist du in den frühen Morgenstunden am kreativsten, vielleicht aber auch spät in der Nacht.Wichtig ist, dass du deinen individuellen Rhythmus findest und dazu stehst. Versuche, dich so gut es geht von äußeren Vorgaben freizumachen. Wenn das nicht geht, dann beobachte deine Tagesform innerhalb des Möglichen bewusster und notiere dir über zwei Wochen lang konkret Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Zu welcher Tageszeit hast du am meisten Ruhe zum Schreiben?
  • Zu welcher Tageszeit ist dein Kopf am wenigsten voll mit Sorgen, To-Do-Listen und Terminen?
  • Zu welcher Tageszeit kommen dir die besten Gedanken und Ideen? Also: Wann sprudelt dein Gehirn nur so über vor Worten, Geschichten, kreativen Ideen?
  • An welchen Tagen, zu welcher Tageszeit lässt sich das Schreiben am besten mit deinem Alltag vereinbaren?

Denk daran, es gibt für jede Tätigkeit gute und weniger gute Zeiten und Tage. Du kennst das sicherlich: Am einen Tag wehrst du dich mit Händen und Füßen gegen den unangenehmen Anruf beim Finanzamt – es fühlt sich dann einfach falsch an. Am nächsten Tag kann das ganz anders aussehen und du rufst lächelnd und mit einem guten Gefühl bei deinem Sachbearbeiter an.

Genauso ist es mit dem Schreiben: Am einen Tag sprudeln die Worte nur so aus dir heraus – am anderen Tag starrst du auf das weiße Blatt, oder produzierst nur Wortsalat. Mir liegt der Montag beispielsweise nicht so gut zum Schreiben. Montags arbeite ich eher gern organisatorischen Dinge ab und habe selten den Kopf frei zum Schreiben. Dafür mag ich es, sonntags zu schreiben.

2. Finde heraus, was für ein Geräusche-Typ du bist

„Herr der Ringe“, „Imitation Game“, „Inception“, „The Hours“, „Avatar“, „Der mit dem Wolf tanzt“, „Die Chroniken von Narnia“, „Shakespeare in Love“, „Kundun“:

Was haben alle diese Filme gemeinsam?

Richtig: Grandiose Soundtracks. Oder anders ausgedrückt: Filmmusik, ohne die ich nicht schreiben könnte. Ich brauche Musik, um mich in die richtige Stimmung zu bringen. Schreibe ich über etwas Trauriges, hilft mir eine traurige Melodie. Sitze ich an den letzten Seiten eines Buches, muss es etwas Episches sein.

Weißt du, was dir hilft? Brauchst du die totale Stille, überfordern dich zu viele Geräusche und lässt du dich von Musik nur ablenken? Oder helfen dir Vogelgezwitscher, Café-Hintergrundgeräusche oder ein Reigen aus Tönen und Gesängen?

Wenn du es noch nicht weißt, probiere es aus! Alles, was dich in den Flow bringt, ist gut.

3. Finde heraus, an welchem Ort deine Worte fließen

Das Salz in der Nase,

der Sand knirschend zwischen meinen Zehen,

das Lachen meines Kindes in den Ohren,

der Wind sanft um meine Haare...

Meine Seele füllt mit all ihren Sinnen ihre Speicher auf.

Die unendliche Weite des Wassers öffnet das Tor zu meiner Kreativität

und ich weiß: Ich könnte tagelang hier sitzen und schreiben...

Das Meer ist mein absoluter Wohlfühl- und Kreativort. Nirgends sonst fließen die Worte so leicht aus mir heraus wie beim Anblick des Ozeans. Auf Platz zwei, aber dicht dahinter: Der Blick auf glitzernde Seen, schneebedeckte Berge und sattes Grün.

Aber das geht leider nicht immer. Mein Schreibtisch steht mitten in Berlin. Allerdings direkt am Fenster – mit Blick auf einen grünen Innenhof. Eine Ananas-Pflanze steht auf dem Tisch und weckt Erinnerungen an ferne Länder, und manchmal zünde ich eine Duftlampe mit Fichtennadelöl an, das mich an meine Heimat erinnert. Wann immer es möglich ist, setze ich mich zum Schreiben in die Natur oder in ein Café und lasse mich vom Treiben um mich herum inspirieren. Aber auch im Bett schreibe ich gern und häufig – auch wenn Feng-Shui-Gurus bereits beim Gedanken daran Schnappatmung bekommen.

Was für eine Umgebung brauchst du, um gut ins Schreiben zu kommen? Bist du ein visuell orientierter Mensch, der sich von schönen Landschaften und Urlaubsfotos inspirieren lässt? Oder bringen dich angenehme Klänge in den Flow, oder der Duft von frischen Blumen? Kannst du nur draußen kreativ sein? Brauchst du vielleicht von allem ein bisschen, oder ist es vielmehr ein leerer Schreibtisch und eine minimalistische Einrichtung, die dir Raum zum Schreiben bietet?

Brauchst du Ordnung und Minimalismus? (c) 77wang auf pixabay
Oder Gemütlichkeit und kleine Belohnungen? (c) ksyfffka07 auf pixabay

 

Was es auch sein mag, das dich in den Schreibfluss bringt, ich rate dir: Nimm dir die Zeit und finde es heraus, es wird sich für deine Schreibprojekte lohnen.

Ein paar kleine Empfehlungen zum Schluss:

  • Für alle, die gerne Musik ausprobieren wollen: Ich empfehle dir, instrumentale Soundtracks, Klassik oder Jazz auszuprobieren. Gesang wirkt eher kontraproduktiv, da du dann geneigt bist, auf die Lyrics zu hören, statt dich auf deine Texte zu konzentrieren.
  • Schalte dein Handy aus, oder lege es in einen anderen Raum, wenn du schreibst. Klingt banal, fällt vielen Menschen jedoch zunehmend schwer. Die University of Texas fand in einer Studie mit 800 Probanden bereits 2017 heraus, dass es die Gehirnleistung um 15 % beeinträchtig, wenn das Smartphone auf dem Tisch oder in der unmittelbaren Nähe liegt. Dabei scheint es nicht ausschlaggebend zu sein, ob man durch eine eintreffende Nachricht gestört wird. Allein die Präsenz des Smartphones wirkte sich negativ auf die kognitive Leistung der Probanden aus. Also: Raus mit dem Handy, denn dein kreativer Geist braucht Platz zum Schreiben.
  • Wenn du gerne draußen in der Natur bist und dir am Schreibtisch absolut nichts einfällt, dann nutze die Diktierfunktion auf deinem Smartphone, oder besorge dir ein professionelles Diktierprogramm. Schalte am besten den Flugmodus deines Handys ein, damit du nicht abgelenkt wirst. Ein reines Diktiergerät ist natürlich besser.
  • Wenn du ein haptischer Mensch bist, dann besorge dir ein bisschen Sand für deinen Schreibtisch, nimm aus dem nächsten Urlaub eine Muschel, einen schönen Stein oder einen Tannenzapfen mit, oder vielleicht holst du dir sogar einen Tischbrunnen: Was auch immer dir hilft, aus dem Alltag aus- und in deinen kreativen Spot einzusteigen.

Was sind deine Tipps, um die Worte zum Fließen zu bringen? Schreib sie mir  – ich bin stets dankbar für neue Ideen.

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