„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“

Flora runzelt die Stirn. Er blickt in die Menge und fährt fort:

„Jemand stieß mir einen Knüppel in die Seite und schupste mich nach vorne. Irgendwo heulte ein Kind. Ein mulmiges Gefühl kam über mich. Ich hatte von Leuten gehört, die von der Küstenwache zurückgeholt wurden – die es nicht geschafft haben. Aber ich schwor, mir würde das nicht passieren. Mir nicht.“

Flora holt tief Luft. Irritiert mustert sie den Mann, der da vorne steht und den sie zuerst für einen Bühnenbauer gehalten hat: Er ist von drahtiger Statur. Und dennoch spannen sich über seinen ganzen Körper ausgeprägte Muskeln. Das schwarze T-Shirt gibt den Blick auf stark behaarte Unterarme frei. Darunter trägt er eine blaue Jeans über auffallend glänzenden Lederschuhen. Seine Haare sind abrasiert, doch das Licht reflektiert auf den glatten Stellen, die schon vor der Rasur kahl gewesen sein müssen. Seine dunkelbraunen Augen sitzen in Höhlen, die von seiner großen und leicht gekrümmten Nase noch tiefer in den Schatten gerückt erscheinen. Ein gepflegter Drei-Tage-Bart umrahmt den Mund, der lächelnd diese Geschichte erzählt.

„Sie schupsten mich in das wenige Meter lange Boot. Ich fiel auf eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie schrie. Einer der Männer bellte sie an, sie solle gefälligst still sein. Ich hatte keine Gelegenheit mich bei ihr zu entschuldigen. Wir saßen dicht an dicht auf dem Rand des Schlauchboots und hielten uns an einem Seil fest. In die Mitte pferchten sie diejenigen, die weniger bezahlt hatten.“

Flora wackelt auf der Sitzbank hin und her. Ihr fällt auf, wie mühelos er erzählt. Fast ein bisschen so, als würde er von einem peinlich zu Ende gegangenen Date berichten. Die Luft drückt schwer auf ihre Lungen. Sie ist erfüllt vom Blütenstaub und der drückenden Hitze des Sommerabends. Das Atmen fällt ihr schwer. Sie sucht mit den Händen nach Halt und greift nach dem Weinglas, das vor ihr auf dem Holzhocker steht. Sie führt das Glas zum Mund und stellt es wieder ab, ohne daraus zu trinken.

„Als wir losfuhren war das Meer noch ruhig. Minute um Minute dieselben Geräusche, dieselben Eindrücke. Das Wasser so schwarz wie der Himmel. Nur wenige Wellen. Doch dann als die Morgendämmerung kam, wurde das Wasser lebhafter. Das Boot begann zu schaukeln. Am Anfang empfand ich die Wellen als willkommene Abwechslung. Doch dann wurden sie stärker. Der Wind nahm zu. Ich musste pinkeln, traute mich aber nicht, mich umzudrehen und ins Meer zu pissen. Ich versuchte noch eine Weile einzuhalten. Bis es nicht mehr ging. Dann kam die Müdigkeit. Es ist schwer zu beschreiben, aber wenn die Wellen von allen Seiten auf das Boot treffen und man sich lange Zeit darauf konzentrieren muss, nicht rauszufallen, ist man nach wenigen Stunden erschöpft.“

Flora verspürt den Drang aufzustehen. Und immer noch lächelt er. Sie rollt die Augen und blickt um sich – sucht in den Gesichtern der anderen nach Gleichgesinnten. Doch sie sieht nur Stirnrunzeln. Manche blicken zu Boden. Berührt von Najims Geschichte. Flora wird übel von der Betroffenheit der anderen. Warum steht sie nicht auf und geht?

„Es wurde noch schlimmer. Ein Sturm kam auf. Kein besonders heftiger, aber stark genug, um das kleine Boot gefährlich nah ans Kentern zu bringen. Ich spürte meine Angst und die meiner Mitreisenden.“

Hier macht Najim eine Pause, blickt in die Gesichter, die vor ihm sitzen. Flora weicht seinem Blick aus, schlägt ein Bein über das andere, verschränkt die Arme vor der Brust. Und ewig lächelt er. Schmarotzer! will sie ihm entgegenschreien – aber sie tut es nicht. Sie blickt erneut in die Menge. Elende Ignoranten. Wie könnt ihr nur so blöd sein? Macht doch mal die Augen auf! Seht ihr nicht wie er euch auslacht? Hört ihr nicht, wie gut er Deutsch spricht? Alles inszeniert! Doch sie bleibt still.

„Bald wusste ich nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Mehrere Menschen beteten, weinten, oder stießen bei jeder größeren Welle einen Schrei aus. Ich wusste nicht, woher sie die Kraft dafür nahmen. Übelkeit stieg in mir auf. Angst, Erschöpfung, Hydration und Magenschmerzen vermischten sich in meinem Bauch zu einem unheimlichen Cocktail. Krampfhaft versuchte ich das Gemisch unten zu halten.“

Najim hält erneut inne. Er trinkt einen Schluck Wasser. Flora spürt noch immer den Drang, den Raum zu verlassen. Doch irgendetwas hält sie fest. Sie weiß, dass er lügt. Es kann nur eine Lüge sein. Er will unser Mitleid, unser Geld, unsere Jobs. Und ich sitze hier und höre mir das alles auch noch an. Schuldbewusst greift Flora erneut nach ihrem Weinglas. Dieses Mal setzt sie es nicht nur an, sondern lässt mehrere Schlucke zügig ihren Rachen hinunterfließen. Der Alkohol tut gut.

„Ich habe das Zeitgefühl verloren. Ich wusste nicht, wie viele Stunden bereits vergangen sind. Ich wusste nur, dass meine Kräfte schwanden…“

Absurd. Völlig absurd, denkt Flora.

„Dann ging uns das Wasser aus. Ein Junge erbrach sich in die Mitte des Bootes. Doch wir rochen den Unterschied kaum noch. Der Gestank von Urin, Kot und Erbrochenem lag längst wie ein schweres Tuch über dem Boot. Ich wusste nicht, wie lange ich noch würde durchhalten können.“

Floras Atem geht schneller. Ihre Hände verkrampfen, ballen sich zu Fäusten. Najim fährt fort, erzählt davon, wie sich ein Schiff näherte und eine Frau und ein Mann sich über Bord warfen, in der Angst, die Küstenwache könnte sie erwischen und zurückbringen. Er schildert detailgenau, wie sich in der Mitte des Bootes eine Lache voller Exkremente ansammelte. Er erzählt von seinen Beinen, die er kaum noch spürte – davon, wie ihn Hunger und Durst quälten und die Sonne das Salz auf seiner Haut verkrustete und wie es in seinen Wunden brannte. Er erzählt, wie er jegliches Zeitgefühl verlor und wie ihn nur der Gedanke an seine Familie am Leben hielt. Die Familie, die er zurückgelassen hatte, und für die er es schaffen musste, für die er ein neues, ein besseres Leben suchte. Ein Leben weit weg von Krieg und Zerstörung, Hunger und Armut. Ein Leben in Frieden und Freiheit. Ein Leben mit einer Zukunft. Für ihn und für seine Familie.

„Dieser Traum hielt mich am Leben.“

Floras Herz bebt. Sie spürt, wie ihr die Wut die Tränen in die Augen treibt. Verdammt nochmal, reiß dich zusammen, schreit sie sich innerlich an. Ja, vielleicht war er auf einem verdammten Boot. Na und? Keiner hat ihn dazu gezwungen! Sie weiß schon, wie sie sich beim Veranstalter beschweren wird. Sie hat für einen Open-Mic-Abend bezahlt. Für Poetry-Slam. Für einen witzigen, unpolitischen Abend. Nicht für muslimische Stimmungsmache. Flora weiß nicht, was sie wütender macht: Dass ich die einzige zu sein scheine, die das falsche Spiel durchschaut, oder dass ich nicht den Mumm habe, aufzustehen und zu gehen.

„Mit den letzten Kräften half ich der Frau mit dem kleinen Kind an Land. Dann ließ ich mich auf den Strand fallen und küsste den algenbedeckten Boden.“

Um sie herum ist es still geworden. Alle blicken gebannt auf Najim, der inzwischen seine Hand von der Stirn genommen hat. Für Flora sieht es so aus als sonne er sich im Glanze des Scheinwerferlichts. Sie stöhnt laut auf. Eine Frau schräg vor ihr dreht sich um und wirft ihr einen finsteren Blick zu.

„Ich dachte, ich hätte das Schlimmste überstanden. Ich dachte, jetzt wird alles gut. Doch ich hatte mich getäuscht.“

Najim ist noch nicht fertig. Gestrandet auf einer griechischen Insel, wurden er und die Überlebenden in ein Flüchtlingslager gesteckt, so behauptet er. Aufgefangen in der Wohlstandsblase Europas, denkt Flora. Najim beschreibt die Situation im Lager: Von behelfsmäßigen Dächern aus Pappe und Zeltplanen ist da die Rede, vom Schlafen auf Pappe und Urinieren in Rinnsale, von zu wenig Essen und verdrecktem Trinkwasser, und von der Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Lügen, nichts als Lügen, denkt Flora. Die Corona-Krise hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Man hätte die Menschen eingepfercht wie Tiere. Das Virus habe sich ungehindert ausgebreitet und viele bereits geschwächte Lagerinsassen krank gemacht. Flora schüttelt den Kopf. Und was hat man mit uns hier gemacht? Eingesperrt hat man uns – in unserer eigenen Heimat, in unseren eigenen Häusern! Und dann einen Maulkorb verpasst. Euch hat man wenigstens durchgefüttert, denkt sie.

„Dann kamen die Nazis: Sie bewarfen uns mit Steinen, prügelten uns zusammen und zündeten Zelte und Planen an. Aber hey, die Nazis nahmen wenigstens Notiz von uns…“ Flora schluckt. Selbst in ihrer Welt klingt das ein bisschen hart. Doch dann wird ihr klar, dass auch das nur eine Lüge sein kann. Zu extrem, zu übersteigert und zu mitleidserregend klingt die ganze Geschichte. Wer weiß denn, ob die ihre Zelte nicht selbst abgefackelt haben? Aber auch dafür klingt es einfach zu perfekt vorgetragen und inszeniert. Sie erinnert sich daran, wo sie sich befindet. Noch vor ein paar Minuten stand eine verbitterte Feministin oben auf der Bühne und laberte etwas von Männerparkplätzen und „Mansplaining“.

Flora weiß nicht, wohin mit ihren Händen und greift erneut nach dem Weinglas. Als sie wieder auf die Bühne sieht, blickt Najim ihr direkt in die Augen. Es ist ein durchdringender und zugleich ruhiger Blick, den Flora nicht einzuordnen vermag. Sie verspürt den Drang, ihm auszuweichen, aber ihr Stolz lässt es nicht zu. Ihre Nackenhaare stellen sich zu Berge als er weiterspricht und seine Augen nicht von ihr abwendet: „Ich floh aus der Hölle und erlebte die Hölle auf See – nur um danach wieder in der Hölle zu landen.“

Widerwille, Zweifel und Abscheu wirbeln Gedanken in ihr umher. Bitte schau weg, denkt Flora und weiß, dass sie es nicht mehr lange aushält. Dann, endlich, zieht er seine Aufmerksamkeit von ihr ab. Und während er davon erzählt, wieviel Glück er hatte, dass er doch noch in Deutschland gelandet sei und mit wieviel Dankbarkeit er sein Leben lebe, steht Flora auf, tastet sich durch die Reihen der Zuschauenden und durch den Vorhang hinaus in die dunkle Nacht.

Ihre Gedanken drehen sich mit ihrer Wut auf sich und die Welt im Kreis. Sie hat weder Augen für den sternenklaren Himmel noch für den von Fackeln gesäumten Weg zum Waldrand. Sie zieht einen Kaugummi aus ihrem Rucksack und beginnt wild darauf rumzukauen.

Ein paar Minuten später steht sie allein an der Bushaltestelle und wirft einen Blick auf die Anzeigetafel. Flora spürt, wie erneut die Wut in ihr hochkocht. Weil sie weder ihr Handy noch ein Auto dabeihat, wird sie warten müssen. Mit Daumen und Zeigefinger zieht sie den Kaugummi zwischen ihren Zähnen in die Länge und klebt den Streifen schließlich auf die Anzeigetafel.

Dann lässt sie sich auf die harte Bank im Wartehäuschen fallen. Ein Mückenschwarm zieht seine Kreise um ihren Kopf. Flora versucht sie zu verscheuchen, doch schon nach kurzer Zeit gibt sie auf. Sie lehnt ihren Kopf an die Holzwand und schließt ihre Augen.

Einige Zeit später schreckt sie hoch. Sie wurde gestochen. Es dauert einen Moment, bis sie wieder weiß, wo sie sich befindet. Sie blickt auf die Uhr. Der Bus kann noch nicht dagewesen sein. In der Ferne hört sie Stimmen und Gelächter. Hastig wischt sie sich den Speichelfaden von der Wange und zupft ihre Haare zurecht. Als Najim und ein weiterer südländisch aussehender Typ um die Ecke biegen, dreht sie sich demonstrativ weg. Flora atmet betont laut ein und wieder aus. Doch die beiden scheinen sich nicht für sie zu interessieren. Der Rauch ihrer Zigaretten zieht beißend in Floras Nase.

„…und wusstest du, dass in Deutschland das Recht auf die eigene Religion sogar im Gesetz steht?“ Flora schielt heimlich zu dem großen Mann mit dem dicken Bauch und dem Pferdeschwanz.

„Ja, ich weiß… Wenn wir Deutsche sind kann uns keiner mehr was.“ Najim nickt seinem Bekannten zu und zieht an einer Zigarette.

„Stell dir das mal vor: Tun und lassen können was du willst! Dafür mach ich auch einen auf Deutsch…“ Der Pferdeschwanz-Mann lacht, während die Worte aus ihm sprudeln. Flora horcht auf und dreht sich zu den beiden um:

„Ihr wisst doch gar nicht was das ist: Deutsch sein!“ platzt es plötzlich aus ihr heraus.

Der Pferdeschwanz-Mann hört auf zu Lachen und dreht langsam seinen Kopf zu ihr um. Für einen Moment starrt er Flora an als hätte er sie gerade erst bemerkt. Floras Stirn legt sich in Falten und ihre Augen starren bockig zurück. Dann wirft der Pferdeschwanz-Mann seine Zigarette weg und geht auf sie zu. Sein Blick wirkt bedrohlich. Flora wehrt sich gegen den Drang zurückzuweichen. Ihr Herz klopft laut in ihrer Brust. Sie schluckt und ihre Augen verziehen sich zu Schlitzen, während sie sich innerlich auf einen Kampf einstellt. Dann steht er vor ihr und beugt sich zu ihr hinunter. Flora kann seinen nach Rauch und Knoblauch stinkenden Atem riechen. Ihr wird schlecht.

„Ich weiß eine Menge!“ sagt er schließlich ernst und lacht anschließend laut auf als er Floras Angst spürt. Flora ist verärgert und erleichtert zugleich. Najim zieht seinen Freund am Ärmel:

„Komm, lass mal.“

„Ey, die Alte wills doch wissen.“

„Die will dich doch nur provozieren…“ widerwillig lässt sich der Pferdeschwanz-Mann von Najim ans andere Ende des Bushäuschens ziehen.

In diesem Moment erlangt Flora ihre Fassung wieder. Sie steht auf und stemmt ihre Hände in die Hüften, drückt die Brust raus und nimmt all ihren Mut zusammen:

„Na los, erzähl mal was du bitteschön über Deutschland weißt. Ich wette, du weißt überhaupt nichts – weil soll ich dir was verraten? Du bist kein Deutscher und du wirst auch nie einer sein!“ Dann zögert sie kurz – überlegt ob sie den Satz wirklich sagen soll: „Leute wie du haben hier nichts verloren! Also verpiss dich in das Drecksland aus dem du gekommen bist!“ Der Pferdeschwanz-Mann hört auf zu lachen. Er steht mit dem Rücken zu ihr und rührt sich nicht. Floras Puls, der sich gerade erst wieder beruhigen wollte, schlägt nun Purzelbäume.

„Hey, Moslem, ich rede mit dir!“ keift sie ihm in den Rücken. Najim schüttelt langsam seinen Kopf und versucht seinen Bekannten mit Blicken zurückzuhalten. Flora weiß nicht, woher die Courage auf einmal kommt. Vielleicht möchte sie ihre feige Scham von vorhin wieder gut machen. Vielleicht steht dieser Typ für alles, was sie an Flüchtlingen hasst. Langsam, fast in Zeitlupe dreht sich der Pferdeschwanz-Mann um. Najim seufzt. Flora spürt, wie die Spaghetti von vorhin in ihrem Magen wieder nach oben drängen. Sie kämpft ihre Übelkeit nach unten, während sie dem Pferdeschwanz-Mann fest in die Augen sieht. Er baut sich vor ihr auf und mustert sie von oben bis unten. Flora erstarrt. Sie fühlt sich wie ein unschuldiges Tier, das kurz davorsteht, von seinem Todfeind abgeschlachtet zu werden. Doch ihr Fluchttrieb versagt. Und wenn schon, das war es wert, denkt sie und ballt die Fäuste.

„Willst Du dich mit mir anlegen?“ fragt er schließlich und zu ihrer Überraschung schwingt deutlich mehr Belustigung als Kampfeslust in seiner Stimme mit. Während sein schaler Geruch erneut in ihre Nase zieht, sucht Flora in ihren Hirnwindungen nach einer passenden Reaktion. Sie ist sich nicht sicher, was sie schlimmer findet: Einen Faustkampf mit einem körperlich überlegenen Mann oder der Geringschätzung eines Muslims ausgesetzt zu sein. Ihr fester Blick weicht einem unfreiwilligen Blinzeln. Dennoch entscheidet sie sich, ihren Kurs beizubehalten:

„Willst du mir etwa was über Deutschland erzählen?“ sie zieht eine Augenbraue hoch und blickt ihm erneut fest in die Augen. Die Mundwinkel des Pferdeschwanz-Mannes spannen sich an. Langsam, dann immer deutlicher ziehen sie sich nach oben, bis sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen haben. Floras Fäuste entspannen sich ein wenig. Er leckt sich mit der Zunge über die rissige Unterlippe und nickt fast unmerklich:

„Frag mich was über deutsche Politik!“ Flora blinzelt. „Irgendwas!“ fügt er hinzu. Sie zögert, aber dann nickt sie, blickt nach oben und sucht einen Moment nach einer Frage, deren Antwort er nicht wissen kann:

„Wer ist in Deutschland für die Schulpolitik zuständig?“ sie triumphiert innerlich. Ein unterdrücktes Lächeln huscht über ihre Lippen.

„Die Bundesländer“ schießt es ohne zu zögern aus ihm heraus. Flora runzelt irritiert die Stirn.

„Ach, das ist seit Corona ja auch oft genug debattiert worden…“ versucht sie sich zu retten.

„Wer leitet das deutsche Bundeskabinett?“ schießt es aus dem Pferdeschwanz-Mann heraus, bevor Flora überhaupt über eine weitere Frage nachdenken kann. Sie weiß nicht, was sie mehr überrascht: Dass er das Wort „Bundeskabinett“ oder die Antwort auf so eine Frage kennt. Bundestagspräsidentin oder Bundespräsident… Ein wenig bereut Flora bereits, dass sie ihre Klappe nicht halten konnte. Sie hat keine Lust, in die ungebildete Ecke der extremen Rechten gesteckt zu werden. Sie will nicht so sein. Sie gehört zu den emanzipierten, gebildeten Frauen der neuen Rechten. Sie will ernst genommen werden und dafür muss sie hier glänzen, den beiden Typen zeigen, wer hier die richtige Deutsche ist. Doch dann kommt ihr Einfall:

„Oh, ich weiß, was das hier wird: Du paukst für den Einbürgerungstest und glaubst, dass dich die Antwort auf die Frage zu einem Deutschen macht.“ Der Pferdeschwanz-Mann hört auf zu grinsen – sein Blick wandert von links nach rechts. Er weiß nicht was er sagen soll, denkt Flora. Erneut unterdrückt sie ein siegreiches Schmunzeln: „Bullshit sag ich da nur!“ Doch dann kehrt das Grinsen in sein Gesicht zurück:

„Du weißt die Antwort nicht, was?“ am liebsten würde sie ihm ihre Faust ins Gesicht rammen. Aber das gehört ebenfalls nicht zu ihrem Stil. Dabei hat er recht. Das Grummeln in ihrer Magengegend kehrt zurück. Sie weiß, dass sie jetzt was sagen muss.

„Doch“ grinst sie schließlich frech zurück. „Bundestagspräsidentin!“ presst sie heraus, während ihr Herz erneut bis zum Hals pocht. Sie hält die Luft an. Es dauert nur wenige Sekunden, bis der Pferdeschwanz-Mann eine Reaktion zeigt. Für Flora fühlt es sich an wie lange Minuten.

„Pah, das denken viele… aber falsch! Der Bundespräsident!“ Der Triumph steht ihm ins Gesicht geschrieben. Flora holt Luft und schluckt. Ihre Fäuste nehmen erneut die angespannte Position von zuvor ein. Mist verdammter, wirbelt es wieder und wieder in ihrem Kopf umher.

„Ich wollte dich testen“ kontert sie schließlich spontan. Aber der Pferdeschwanz-Mann lacht nur laut auf. Dieses Mal lacht auch Najim. Keine Frage: Sie glauben ihr nicht. Flora ärgert sich nicht nur über die beiden, sondern auch über sich selbst. Sie fühlt sich auf einmal unendlich müde. Von weitem entdeckt sie zwei funkelnde runde Lichter, die immer größer werden. Wie eine große Katze schnurrt der Elektrobus heran und kommt schließlich vor ihr zum Stehen. Flora ist unendlich dankbar für den Rettungsanker. Aber ganz will sie die Blöße nicht auf sich beruhen lassen. Während die Türen aufgehen, wirft Flora den beiden doch noch einen letzten Angriff hinterher:

„Es ist völlig egal, wie viele Fragen Ihr beantworten könnt, Ihr Penner: Deutscher wird man nicht, weil man einen blöden Test besteht! Das ist ein Geburtsrecht und hat was mit der richtigen Abstammung zu tun. Ihr beide werdet niemals Deutsche sein!“ dann steigt sie ein und setzt sich mit verschränkten Armen in die erste Reihe, während die Jungs in der letzten Reihe Platz nehmen. Flora setzt ihre Kopfhörer auf und schaltet Musik an. Sie will von diesem Tag und allen Menschen darin nichts mehr hören. Der Beat benebelt ihre Sinne und schon bald verlangsamt sich ihr Puls und ihre Augenlieder werden schwer.

Als der Bus losfährt, und die beiden sicher sind, dass Flora weit genug weg sitzt, klatschen sie sich gegenseitig ab:

„Alter, war das geil!“ sagt der Pferdeschwanz-Mann und lacht.

„Total!“ antwortet Najim. „Aber es hätte auch leicht nach hinten losgehen können… sie war kurz davor dir eine zu knallen…“

„So what?“ antwortet der Pferdeschwanz-Mann und zuckt mit den Schultern „Was hätte denn passieren sollen?“ Najim zuckt nun ebenfalls die Schultern:

„Keine Ahnung.“ Er wirft einen Blick hinaus in die Dunkelheit. „Aber ich glaube das reicht an Recherche… Das Stück können wir jetzt echt mal auf die Bühne bringen…“

Ein paar Plätze weiter vorne dämmert Flora langsam weg. Übermüdung und Frust lassen sie in einen unruhigen Schlaf fallen.

Die Dunkelheit und das gleichmäßige Ruckeln des Busses ziehen sie hinab in die Tiefen ihres Unterbewusstseins. Die Musik auf ihren Ohren weicht einem wilden Rauschen. Dann spürt sie das Wasser. Es ist überall. Über ihr, unter ihr, neben ihr, auf ihr. Meterhohe Wellen bäumen sich auf. Regen prasselt schmerzhaft wie Nadelstiche auf sie ein. Immer wieder stürzen Wellen über ihr zusammen. Sie trachten nach ihrem Leben. Ihre Hände greifen nach Rettung. Aber da ist niemand. Nur ein schwarzes, dunkles Nichts. Mit letzter Kraft stößt sie einen gellenden Schrei aus und

wacht auf.“

Die Wahrheit ist leider weder ein Theaterstück noch ein Albtraum, sondern nackte Realität!

In den letzten fünf Jahren starben mehr als 18.000 Menschen beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten – die Dunkelziffer liegt dramatisch höher: Jeden Tag verdursten, oder ertrinken mindestens sechs flüchtende Frauen, Männer, Jugendliche und Kleinkinder im Mittelmeer. Menschen, die vor Krieg, Hunger und Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen, nur um dann im Meer zu krepieren.

Und diejenigen, die es schaffen, landen in einem trostlosen Flüchtlingslager. Eingepfercht warten auf dem Balkan, auf Lesbos, Chios, Patras, in Athen, Thessaloniki und Rojava Tausende Menschen in improvisierten Zelten und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen darauf, dass ihre Zukunft endlich beginnt.

Doch vergeblich: Europa schottet sich ab und sieht weg.

Das ist keine Propaganda. Das ist kein Witz. Das ist die bittere Wahrheit.

Liebe Leser*in, bitte schau nicht weg. Bitte sieh hin und handele.

Normalerweise würde ich an dieser Stelle um einen „virtuellen Cappuccino“ als kleinen Dank für meine Geschichte bitten.

Doch heute, am „Tag der Menschenrechte“ bitte ich Dich um eine Spende für „Wir packen’s an“.

Der gemeinnützige Verein leistet direkte Hilfe für notleidende Menschen in den Flüchtlingslagern am Rande Europas. Er spendet Hoffnung und Hilfe, dort wo sie am allernötigsten gebraucht wird.

Mit Deiner Unterstützung spendest du Menschen in den Lagern nicht nur Nahrung und Wärme, sondern Du gibst ihnen auch ein Stück Würde zurück.

Bitte unterstütze den Einsatz von „Wir packen`s an“ deshalb heute mit Deiner Spende.

Hier gelangst Du direkt zu meiner Spendenaktion auf Facebook (Facebook-Konto nötig). Spenden kannst du aber auch online bei „Wir packen’s an“ (paypal, Kreditkarte oder SEPA), oder per Überweisung (bitte gern Betreff „Grenzgänger“ angeben, damit die Spende meiner Aktion zugewiesen werden kann):

Wir packens an e.V.
GLS Bank
IBAN DE03 4306 0967 1059 2396 00

Herzlichen Dank, das Wort*Sternchen

Foto (c) „Wir packen’s an“

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