Und hier ist meine neue Kurzgeschichte: „500 Meilen“

Et voilà: Hier ist sie endlich: meine neue Kurzgeschichte zum Thema „Road trip“! Noch einmal herzlichen Dank an alle, die meinem Aufruf gefolgt sind und mir Begriffe zugeschickt haben! Wie ihr sicher mitbekommen habt, hat mein „Assistent“ in einem unglaublich komplizierten und ausgefeilten Verfahren folgende Begriffe gezogen: Per Anhalter durch die Quarantäne, Eine halbe Schachtel Zigaretten und Überbrückungskabel. Es war wieder ein großer Spaß, mir dazu eine Geschichte auszudenken und auch dieses Mal habe ich mir die Freiheit genommen, ein paar weitere von euch eingereichte Begriffe ebenfalls einzuarbeiten – ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Und wie immer gilt: Falls euch die Geschichte gefällt, freue ich mich, wenn ihr mich mit einer kleinen Spende auf einen virtuellen Cappuccino einladet 😉 Herzlichen Dank.

500 Meilen

Einige Bäume haben bereits damit begonnen, ihre roten und gelben Blätter fallen zu lassen. Doch die Laubestraße in Neukölln leuchtet noch immer in schillernden Farben. Schon von weitem fällt Melle der blaue Bulli mit dem Hochdach und den typischen runden Frontleuchten auf. Als sie näherkommt, bemerkt sie die CB-Albrecht-Racer90-Funkantenne auf dem Dach, die sie von ihrem Vater kennt. Auf dem Kotflügel und an den Seiten des Bullis entdeckt Melle einige Stellen, an denen der Lack abgeblättert ist. Sie tritt nah an den Bus heran und streicht sanft darüber, als wollte sie die Schmerzen des Gefährts lindern. Am Heck ist ein großer Anhänger angekuppelt, dessen Ladeklappe offensteht, aber bis auf zwei Kisten völlig leer ist. Melle runzelt die Stirn. Ist sie zu früh dran? Die Eingangstür zu dem Haus hinter dem Bulli steht weit offen. Melle holt das Desinfektionsgel aus ihrem Rucksack und reibt ihre Hände damit ein. Dann streift sie die bunte Maske über Mund und Nase und betritt das Haus.

Aus einem der höher gelegenen Stockwerke erklingt schnelles und lautes Gitarrengeschrabbel. Als Melle im zweiten Stock ankommt, steht auch die Wohnungstür offen. Sie klingelt, keine Reaktion. „Hallo?“ ruft sie in den Hausflur hinein, doch ihre Stimme wird von dem wummernden Bass und den jaulenden Gitarren verschluckt. Vorsichtig betritt sie die Wohnung. Die zweite Tür rechts des Flures steht offen. In einer großen Wohnküche stapeln sich dreckige Teller und Töpfe in der Spüle, dichter Zigarettenrauch hängt in der Luft. Drei Männer und zwei Frauen sitzen um einen runden Tisch und reden. Als niemand sie bemerkt, tritt Melle einen Schritt in die Küche hinein: „Ähm, hallo – ich suche Emilio?“ Eine der Frauen, die eine Art Turban um ihre Haare gebunden hat, mustert Melle kritisch und deutet in die Richtung, aus der die Musik kommt. Melle murmelt ein „Danke“ und geht den Flur bis zum Ende.

Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters mit Vollbart und langen Haaren, die aus dicken, gedrehten Dreadlocks bestehen und mit einem Haargummi locker zusammengebunden sind, sitzt in der Mitte des Zimmers auf einem ausgetretenen Orientteppich und raucht eine Zigarette. Der Mann hält eine Schallplattenhülle in der Hand. Sein Kopf nickt im Takt der Musik. Melle klopft ein paarmal laut gegen die Holztür, um sich bemerkbar zu machen. Als er aufschaut, blickt Melle in zwei olivgrüne Augen. Der Mann springt sofort auf, als er Melle bemerkt, lächelt, zieht einen grauen Mundschutz aus seiner Hostentasche, streift ihn über und deutet in gebührendem Abstand eine Geste der Verbeugung an: „Emilio – bist du Melle?“ Melle nickt. „Wird noch ein bisschen dauern – setz dich doch.“ Er deutet auf einen ebenso alten wie abgewetzten Sessel in der Ecke. Melle schüttelt den Kopf und sieht sich um: An der Wand stehen zwei weiße Regale mit Büchern und Schallplatten und auf dem Boden liegt eine große Matratze mit schwarzer Bettwäsche auf mehreren Holzpaletten. Neben dem Bett liegt ein weißer Kontrabass. Zwischen den Möbeln tummeln sich dutzende halb gepackte Kisten. Melle sieht auf die Uhr und spürt, wie sich Unruhe in ihr breit macht:

„Wir wollten doch um 10 Uhr los! Das sieht aber so aus, als wärst du noch nicht mal fertig mit packen – geschweige denn mit einladen!“ Emilio macht eine wegwerfende Bewegung:

„Alles gut. Willste eine?“ Er hält ihr eine halbe Schachtel Zigaretten hin. Melle lehnt ab. „Komm, entspann dich – is doch fast alles fertig.“ Melle verschränkt ihre Arme vor der Brust:

„Ich hab heut Abend noch Pläne – und wer weiß, wie lang wir an den Kontrollpunkten stehen, und Stau kanns auch noch geben…“ In diesem Moment klopft es erneut an der Tür und die beiden anderen Mitfahrer treten ein: Romy und Lukas sind etwa Anfang 20 und schauen nur kurz von ihren Smartphones auf, um ihre Anwesenheit zu bestätigen. Masken tragen sie nicht. Melle seufzt und schnappt sich einen Karton: „Worauf warten wir eigentlich noch?“

Zweieinhalb Stunden später verschließt Emilio schließlich den Anhänger und ruft Romy und Lukas, die die meiste Zeit auf den Stufen vor dem Haupteingang gesessen und Online-Spiele gezockt haben. Die beiden nehmen im hinteren Teil des Busses Platz, während Melle sich nicht sicher ist, was sie schlimmer findet: Stundenlang mit den beiden Ignoranten hinten zu sitzen, oder mit dem verplanten Emilio vorne. Schließlich nimmt sie auf dem Beifahrersitz Platz, um wenigstens etwas von der Strecke zu sehen. Sie zupft ihre Maske zurecht und reibt das Armaturenbrett mit Desinfektionstüchern ab.

„Zieht jetzt bitte euren Mundschutz an, ich hab kein Bock wegen euch Ärger zu kriegen!“ raunzt Emilio Romy und Lukas zu, die genervt ihre Schals über Mund und Nase ziehen und sich keine Mühe geben, ihr Augenrollen zu verstecken. „Habt ihr alle den Wisch dabei?“ fügt Emilio hinzu, und als alle drei Mitfahrer nicken, startet er endlich den Wagen.

Nach einer halben Stunde gelangen sie an den ersten Kontrollpunkt an der Auffahrt zur A115 in Wilmersdorf. Melle wiedersteht dem Drang, auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Ihre Hände sind kalt und nass vom Schweiß. Seit ihrer Jugend wird sie nervös, wenn sie auf Polizeikontrollen oder dergleichen stößt. Obwohl sie eigentlich gar nicht weiß, wieso. Sie versucht, sich zu beruhigen und kontrolliert unauffällig, ob sie den Schein wirklich eingesteckt hat und ob alle Daten darauf auch stimmen. Als sie endlich an der Reihe sind, klopft ihr Herz wild. Zitternd gibt sie Emilio den Passierschein A38, der ihn an den Bundesbeamten hinter der dicken Glasscheibe in der provisorischen Kontrollkabine weiterreicht. Dieser wirft einen prüfenden Blick auf die vier Dokumente und die dazugehörigen Insassen des Fahrzeugs, stellt ein paar routinemäßige Fragen und lässt einen Kollegen anschließend noch einen Wattestäbchen-Schnelltest durchführen, notiert sich die dazugehörigen Personalien, bevor er den Bulli endlich passieren lässt.

Melle atmet erleichtert auf. Verstohlen schielt sie zu Emilio, der auf der ganzen Fahrt bisher fast gar nichts gesagt hat. Melle hat keine Lust, eine Unterhaltung zu beginnen. Zum einen ist sie immer noch sauer auf Emilio und zum anderen will sie, dass er das auch spürt. Romy und Lukas unterhalten sich seit der Abfahrt hauptsächlich anhand von Gamer-Codes, die Melle nicht versteht und die sie auch nicht interessieren. Hin und wieder ertönt ein lautes: „Ace!“, oder: „Der is so n carebear…“, oder: „Wow, nices facial!“, oder: „Zieh dir mal meine Killratio rein…“ Irgendwann kurz vor Magdeburg scheint es Emilio auf die Nerven zu gehen, vielleicht erträgt er aber auch einfach das Protest-Schweigen von Melle nicht mehr. Jedenfalls schaltet er seinen mp3-Player ein, der mit den montierten Lautsprechern in dem Bulli verbunden ist. Die Playlist führt Melle durch alle Roadmovie-Filme, die sie jemals gesehen hat. Irgendwann ertappt sie sich dabei, dass sie den Takt mit den Fingern mitklopft. Als sie gerade an Hannover vorbeifahren, erklingt aus den Boxen „500 Miles“. Emilio dreht die Lautstärke so hoch, dass von den Rücksitzen nichts mehr zu hören ist. Er beginnt im Takt zu nicken und schließlich laut mit zu grölen. Melle grinst und steigt darauf ein. Als das Lied zu Ende ist, müssen beide lachen. Emilio dreht die Lautstärke wieder runter und sagt: „Ein großartiger Song! Aber ich bin trotzdem froh, dass eine mp3 nicht einfach so hängen bleiben kann…“ Melle grinst. In diesem Moment ertönt von den hinteren Sitzen ein „Mir ist schlecht!“, und kurze Zeit später hören Melle und Emilio Würgegeräusche. Emilio hält für den Kotzstopp mit einer Vollbremsung auf dem Standstreifen der stark befahrenen A2 Richtung Oberhausen. Melle stürzt hinaus und reißt die hintere Schiebetür auf, sodass Romy den Rest ihres Mageninhalts außerhalb des Wagens loswerden kann. Lukas stürmt ihr hinterher und kippt angewidert seinen vollgekotzten Alubecher in die Büsche. Leider ist wohl auch etwas danebengegangen, denn als es Romy wieder besser geht und sie weiterfahren, stinkt es im Bus erbärmlich nach Erbrochenem. Melle versucht ihren Würgereflex zu unterdrücken und kurbelt die Fensterscheibe runter. Emilio bemerkt, wie bleich sie ist und reicht ihr erneut seine Kippen: „Hier, das hilft!“ Diesmal lehnt Melle nicht ab. Er hält ihr den Zigarettenanzünder hin, sie zieht ihre Maske runter und zündet sich dankbar die Zigarette an. Nach ein paar Zügen geht es ihr besser.

Weit kommen sie nicht. Hinter der Ausfahrt Bad Oeynhausen stockt es plötzlich und wenige Meter weiter kommt der Bus gänzlich zum Stillstand. Stau – nichts geht mehr. ‚Wo wollen die alle hin?‘ fragt sich Melle im Stillen, während ihr Blick über die umstehenden Fahrzeuge streift. Die meisten Menschen tragen Mundschutz. Manche steigen aus ihren Autos aus, ziehen sich die Maske, ab und rauchen, oder verschwinden in die Büsche am Rande des Seitenstreifens. Hinter dem Bulli bemerkt Melle einen ähnlichen Bus, in dem sie mindestens sechs Menschen zählt. Alle ohne Mundschutz. An der Windschutzscheibe hängt ein Schild: „Nein zu #nordcorona“ und daneben ein Aufkleber, den Melle in den letzten Monaten öfter gesehen hat: „Gib Gates keine Chance“. Melle runzelt die Stirn:

„Hashtag „nordcorona“ – was soll das denn nun wieder?“

„Ach, nur wieder so ein oller Verschwörungsquatsch…“ Emilio presst die Lippen aufeinander und schüttelt den Kopf.

„Das ist keine Verschwörungstheorie! Im Gegenteil!“ ruft Lukas aufgeregt. Anschließend klettert er über die mittlere Sitzbank zu seinem Rucksack und beginnt darin zu kramen. Emilio zieht laut Luft durch die Nase ein, kurbelt das Fenster runter und sieht nach draußen. „Hier!“ ruft Lukas und hält wie zum Beweis ein zerfleddertes Buch in das Cockpit. Melle zieht ihre Maske wieder über Mund und Nase und wirft einen Blick auf das Cover: „Per Anhalter durch die Quarantäne“ lautet der Titel. Lukas hält ihr das Buch unter die Nase: „Nimm, kannst ruhig einen Blick reinwerfen“ Melle schüttelt angewidert den Kopf. Emilio starrt währenddessen ungerührt aus dem Fenster.

„Das müsst ihr wirklich mal lesen!“ ruft nun auch Romy aus dem hinteren Teil des Busses. „Da geht’s um diese ganze Anti-Corona-Bewegung und wie die wiederum von Gates, Merkel und den anderen entfesselt wurde…“

„Ja, diese Anti-Corona-Demonstrationen sind nämlich ein echt mieses Tool der Bill Gates-Merkel-Totale-Überwachungs-Durchimpfungs-Diktatur, die unter dem Namen #nordcorona in internen Kreisen bekannt ist…“ springt Lukas seiner Freundin Romy zur Seite: „Zuerst haben sie das RKI dafür sorgen lassen, dass die Pharmaindustrie über all die Jahre die notwendigen Kapazitäten für die Herstellung der Nanochip-Überwachungs-Impfung aufbauen konnte. Durch die „Grippe-Impfungen“ der vergangenen Jahre wurden breiten Kreisen der Bevölkerung Grippe-Symptome eingespritzt, um die Bevölkerung auf die spätere „Pandemie“ angstmäßig vorzubereiten. Der Corona-Hoax konnte dann beliebig einfach dadurch angeschaltet werden, indem einer vorher festgelegten Zahl von Menschen zwischen Februar und April die „Corona“-Grippe-Symptome gespritzt wurden. Dann wurden die Meldungen über massenhafte Sterbefälle in den Krankenhäusern, fehlende Beatmungsgeräte etc. über die Medien verbreitet…“ Lukas ist nun ganz in seinem Element, es klingt, als würde er auswendig gelernte Sätze abspulen: „…die eigentlichen Todesursachen konnten von den Angehörigen ja niemals verifiziert werden, weil sie ja nicht zu den Sterbenden durften. Wie und woran die Menschen tatsächlich in den Krankenhäusern gestorben sind, ist eigentlich zweitrangig, man konnte ihnen einfach irgendetwas geben oder spritzen, was tödlich wirkt. So wurden die Menschen massenhaft in Angst versetzt, in den Lockdown getrieben und durch die Dauer des Lockdowns aufgestachelt…“ Melle muss sich beherrschen, nicht laut loszulachen. Es ist eine Art Schaulustigen-Neugier, die sie zwingt, weiter zuzuhören. So wie wenn man auf der Straße an einem schweren Unfall vorbeikommt: Man möchte nicht hinschauen, aber man kann nicht anders.

„Und dann konnte man den von Merkel hereingelassenen syrischen 2015er-Flüchtling Alitta Hillmann, der eigentlich Hassan bin Rachmani heißt, passend für die totale Eroberung und Überfremdung der bekannten Welt einsetzen.“

„Meinst du den Spinner, der 2020 mit einer dissoziativen Identitätsstörung in der Psychiatrie gelandet ist?“ fragt Melle, die sich nun kaum noch zurückhalten kann.

„Ach, das war doch alles nur vorgeschoben – in Wirklichkeit hat man ihn als Vegan-Gutmensch getarnt und an die Spitze der „Anti-Corona-Demonstrationen“ gesetzt.“ Nun kann Melle aber doch nicht mehr an sich halten und prustet los:

„Und was soll das Ganze bitte?“ japst sie.

„Na das ist doch wohl völlig klar!“ ruft Romy mit wütendem Unterton: „Die ‘Unvernunft‚ der aufgebrachten Bürger bei den ‘Anti-Corona-Demos‚ wird in kürzester Zeit zu der nächsten Welle führen. Und dann wird der von Israel bereitgestellte Impfstoff auch bald zur Verfügung stehen, der dann samt Nanochips der kompletten Bevölkerung gespritzt wird. Und fertig ist #nordcorona!“ Bei ihrem letzten Satz klatscht Romy laut in die Hände, begeistert darüber, dass die Story aus ihrer Sicht so rundum schlüssig ist.

„Aha – das heißt, die Impfflicht kommt dann wohl doch, obwohl das alle Politiker und Politikerinnen seit Monaten verneinen?“ spottet Melle. Nun lachen Romy und Lukas:

„Du glaubst den Shit? So naiv kannste doch wohl nicht sein!“ sagt Lukas, und Romy erklärt weiter:

„Das wird super schnell gehen: Die Impfflicht wird durch den pandemiemäßig gleichgeschalteten Bundestag gepeitscht. Die AfD wird fehlen, weil sie ‘erkrankt‚ ist.“ Romy deutet die Gänsefüßchen mit den Fingern an und wirft Melle einen vielsagenden Blick zu. Melle fehlen die Worte. Während Lukas und Romy die #nordcorona-Theorie mit weiteren „Fakten“ unterlegen, die auf „todsichere Quellen“ beruhen, die man „…alle im Internet nachlesen kann…“, dreht sich Melle zurück nach vorne und starrt durch die Windschutzscheibe. Ohne jeden Kommentar schaltet Emilio plötzlich das Autoradio wieder an und dreht die Anlage so laut, dass Melle die Ohren klingeln. Jedes weitere Wort von Romy und Lukas geht in „Sympathy for the devil“ unter. Emilio trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad und brüllt den Text mit. Melle schließt die Augen und muss einmal mehr lächeln. Erst wippen nur ihre Beine, dann ihr Kopf und schließlich brüllt sie mit Emilio und Mick Jagger im Chor: „I shouted out: Who killed the Kennedys? When after all it was you and me…“ Emilio und Melle singen das ganze Stones-Album rauf und runter. Sie sind so vertieft in die Musik, dass sie nicht merken, dass Romy und Lukas längst ausgestiegen sind und sich mit den Insassen des anderen Busses unterhalten.

Zwei Stunden, 39 Songs und acht Zigaretten später löst sich der Stau langsam auf. Während Emilio versucht, den Wagen anzuwerfen, ruft Melle Romy und Lukas zurück, die ins Auto springen und Emilio davon in Kenntnis setzen, dass sie vorhaben, mit dem anderen Bus weiterzufahren, der wie sie ebenfalls nach Köln möchte. Emilio kümmert das nicht. Was ihm allerdings Sorgen bereitet ist, dass der Bus auch nach mehreren Versuchen nicht anspringt.

„Mist, verdammter!“ schreit er schließlich und haut mit den flachen Händen aufs Lenkrad. Melle zuckt zusammen. „Diese scheiß Batterie!“ Er steigt aus und hält Lukas und Romy auf, die sich ihre Sachen geschnappt haben und gerade bei ihren neuen Freunden ins Fahrzeug steigen möchten. Melle beobachtet im Rückspiegel, wie die drei diskutieren. Dann steigt Lukas in den Bus seiner neuen Mitfahrgelegenheit und kommt mit Emilio und einem Überbrückungskabel in der Hand zurück. Als Melle und Emilio kurze Zeit später allein weiterfahren und Emilio sich wieder traut, das Radio einzuschalten, hören die beiden über den Staufunk, dass die aus dem Tiergehege Bad Oeynhausen entlaufene Ameisenbären-Familie auf der A2 „…endlich wieder eingefangen werden konnte“.

„Die Welt ist komplett verrückt geworden“ sagt Emilio trocken. Melle sieht ihn an und entdeckt ein Grübchen, das ihr bis jetzt noch nicht aufgefallen ist.

„Was willst du eigentlich in Freiburg?“ fragt Melle.

„Musik machen.“ Es ist das erste Mal, dass Emilio etwas halbwegs Privates von sich gibt. Melle fragt sich, ob man mit ihm vielleicht sogar eine Unterhaltung führen könnte. Sie bohrt weiter und stellt fest, dass Musik etwas ist, über das Emilio überaus gern spricht. Es stellt sich heraus, dass er Kontrabassist ist und seiner Jazzband nach Freiburg nachzieht. Diese hätten Berlin schon lange den Rücken gekehrt, weil es dort ohnehin kaum noch gut bezahlte Aufträge in der Szene gäbe. „Ich dachte, ich könnte noch ne Weile durchhalten, aber spätestens seit Beginn der Krise gabs in Berlin nicht mehr viel für mich zu holen.“

„Echt? Ich dachte, Berlin wäre für Musiker noch die beste Wahl… meinst du in Freiburg wird das anders sein?“

„Ich weiß es nicht…“ er dreht seinen Kopf, sieht ihr kurz in die Augen und zwinkert: „Aber ich hab nichts zu verlieren…“ In seinem Zwinkern liegt ein Lächeln, dass Melle eine Gänsehaut über ihren Rücken schickt. Draußen rauschen die Bäume und Felder an ihnen vorbei. Es ist ein lauwarmer Nachmittag. Melle dreht das Fenster noch weiter runter und hängt ihre Hand in den Gegenwind. Zum Glück fragt er sie nicht, warum sie eigentlich nach Freiburg fährt. Sie hat weder Lust darüber zu sprechen noch eine Ausrede zu erfinden.

Den Rest der Fahrt kommen sie nicht nur gut voran, sondern auch kurzweilig. Es scheint, als hätte Emilio nur darauf gewartet, dass Lukas und Romy aussteigen. Als sie an einer Autobahnraststätte auf der A5 anhalten und Melle von der Toilette zurückkehrt, liegt auf ihrem Sitzplatz ein Eis. Melle ist gerührt.

Hinter dem Kontrollpunkt nach Baden-Württemberg geht die Sonne unter und taucht den Himmel in Rot und Orange und ein bisschen Lila. Es sieht kitschig-schön aus, denkt Melle.

„Kitschig, aber schön, oder?“ fragt Emilio, ohne dass ihm das auch nur im Entferntesten peinlich wäre. Melle lächelt und ihr wird klar, dass sie ihn völlig falsch eingeschätzt hat. Als sie an der Ausfahrt Richtung Straßburg vorbeifahren, ertappt sich Melle bei dem Gedanken, die Fahrt solle niemals enden.

Ein paar Kilometer später taucht schließlich das erste Hinweisschild auf die Abfahrt nach Freiburg-Mitte auf. „Jetzt haben wir es ja bald geschafft – ich hoffe, du kommst trotzdem noch rechtzeitig zu deinem Termin.“ sagt Emilio und Melle versucht zu lächeln, dabei ist ihr der Termin längst egal. Kurz nach der Abfahrt von der A5 stoßen die beiden auf eine Straßensperrung, die von mehreren Polizisten gesichert ist, die weiße Schutzkleidung tragen und die Fahrzeuge zügig auf eine Umleitung weiterschicken. Melle und Emilio sind von der übertriebenen Vorsicht der Staatsbeamten irritiert, aber denken sich weiter nichts dabei. Doch die Umleitung führt sie um Freiburg herum – jede Straße in die inneren Bezirke oder die Innenstadt ist abgesperrt und von Polizisten bewacht. Melle zieht ihr Smartphone aus der Tasche und entdeckt erst jetzt eine Nachricht aus Freiburg, in der zu lesen ist, dass sie die Reise nicht antreten solle, da die Stadt aufgrund einer Häufung mysteriöser Todesfälle, die vermutlich im Zusammenhang mit dem Virus stehen, vorübergehend abgesperrt wurde. Es gäbe keine Möglichkeit heraus, oder hineinzugelangen.

„Und was jetzt?“ fragt Melle.

„Jetzt suchen wir uns erst einmal einen Ort, an dem wir was essen und uns ausruhen können.“ beschließt Emilio und sieht zu ihr hinüber, um sich ihre Zustimmung einzuholen. Melle spürt ein Kribbeln in ihren Händen. Sie weiß weder, wo sie sonst hin soll, noch, wo sie sonst lieber wäre. Also nickt sie und versucht, nicht allzu erfreut über diese unerwartete Wendung des Abends zu wirken: „Ich weiß, wo wir hinkönnen.“ Sagt sie und führt Emilio über die Bundestraße 294 und schließlich eine Serpentine hoch auf den Kandel. Die Sonne ist längst hinter den Vogesen untergegangen und am Firmament sind bereits einige Sterne zu sehen. Mit großer Anstrengung kämpft sich der alte Bus den Berg hoch. Emilio feuert ihn an als würde er ein Kind motivieren, seine letzten Kräfte zu mobilisieren. Die mühsame Fahrt erinnert Melle an den Sommerurlaub mit ihren Eltern in Südtirol. Damals hat es der Bus auch fast nicht geschafft und sie und ihre Schwester feuerten den geliebten Bulli von den Rücksitzen an.

Ächzend und schleichend erreicht der Bus von Emilio nach einer Weile den Parkplatz auf dem Gipfel. Von hier aus haben die beiden eine wunderbare Aussicht auf den Schwarzwald. Melle und Emilio steigen aus und setzen sich mit dem unterwegs besorgten Proviant und zwei Flaschen Bier auf die Wiese. Unter ihnen entfaltet sich das Rheintal-Panorama in Form tausend glitzernder Lichter. Die Luft riecht nach Gras, Butterblumen und Harz. Ein sanfter Wind weht über die Kuppel des Berges. Dann spürt Melle plötzlich die warmen Finger von Emilio, die über ihre Wangen streicheln. Ihr Herz schlägt bis zum Hals als sie ihren Mundschutz abzieht und ihren Kopf in seine Richtung dreht.

Melle erwacht von den Sonnenstrahlen, die durch die dünnen Vorhänge an den Seitenfenstern des Bullis dringen. Behutsam schält sie sich aus Emilios Umarmung, der noch schläft. Melle sammelt ihre Kleidungsstücke ein, die im ganzen Bus verteilt liegen. Als sie ihr T-Shirt aufhebt, das auf dem Rucksack von Emilio lag, entdeckt sie darunter ein Buch, das ihr seltsam bekannt vorkommt. Nachdem sie sich versichert hat, dass Emilio noch immer schläft, zieht sie das Buch vorsichtig aus seinem Rucksack und stößt einen angewiderten Laut aus. Ohne zu zögern, packt sie ihre Sachen zusammen und verlässt wenige Minuten später den Bus. Sie streift noch einmal liebevoll mit den Fingern über den Kotflügel und verabschiedet sich von dem schönen Fahrzeug. Auf dem Weg zur Bushaltestelle wirft sie das Buch angewidert in einen Mülleimer und desinfiziert sich anschließend die Hände.

Wichtiger Hinweis: Die in dieser Kurzgeschichte integrierte Verschwörungstheorie ist natürlich frei erfunden und erlogen. Sie stammt aus der Feder von Cornelius Zimmermann, der sie exklusiv für diese Geschichte ersponnen hat und der mich dringendst bat, darauf hinzuweisen, dass die Echsenwesen, die aus dem Iran und Israel die Welt beherrschen, auch diese Geschichte früher oder später zensieren würden.

Vielen Dank fürs Lesen. Wenn Euch meine Geschichte gefallen hat, spendiert mir doch einen Cappuccino (Paypal-Link). Herzlichen Dank!

© „500 Meilen“, Kurzgeschichte von Tina Lauer, 20.05.2020

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