Meine neue Kurzgeschichte: „Das Wurst-Käs-Szenario“

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Das Wurst-Käs-Szenario

Donnerstagabend, 20:05 Uhr

Axel Kretzberger trank den letzten Schluck Bier aus der Dose. Dann zerquetschte er sie mit der linken Hand und schaute sich um. Normalerweise würde er die leer getrunkene Dose unversehrt neben den Mülleimer auf der gegenüberliegenden Straßenseite stellen, doch heute warf er sie in den Holunderbusch, der den Eingang des Gebäudes flankierte. Kretzberger, der von allen nur Kretze genannt wurde, schielte durch die bemalte Fensterscheibe neben der Tür und klopfte dagegen. Er konnte nicht viel erkennen, aber im Flur brannte Licht. Doch nichts tat sich. Er klopfte erneut, dieses Mal mehrmals und heftig.

Kurze Zeit später vernahm er die Stimme von Goose. Kretze drückte seine Nase gegen die Scheibe und sah schemenhaft die Gestalt zweier Männer, die auf die Tür zukamen. „…wusstest du, dass Paramount damals 7.800 US-Dollar pro Stunde allein für den Treibstoff bezahlt hat, damit sie die Stunts mit der F-14 drehen konnten?…“ Kretze hörte, wie Leo etwas murmelte, konnte aber nicht verstehen was. „…und wusstest du, dass es die MiG-28 nie gegeben hat und dass die für die angebliche MiG eine schwarz lackierte F-5 Tiger II benutzt haben?…“ Leo antwortete nicht – als er die Tür aufschloss, schien er jedoch sichtlich genervt. Kretze grinste, vielleicht würde es doch noch ein guter Abend werden. Wortlos zog er eine weitere Dose aus dem Sixpack und hielt sie Leo hin, der das Bier dankend annahm und zischend öffnete. Dann drehte sich Kretze zu Goose und nahm ihn mit der freien Hand in den Schwitzkasten: „Mach ma halblang, Alter – für heute ist Schluss mit dem „Top Gun“-Gequatsche.“ Goose wehrte sich vergeblich, und als Kretze ihn wieder losließ, nahm er sich beleidigt eine Dose aus dem Sixpack und lief voran in den Bastelraum, den Leo und seine Kollegen stets als „Chaos-Küche“ bezeichneten.

Aus dem Zimmer drang „You could be mine“ von Guns N‘ Roses an Kretzes Ohren, und er begann intuitiv mit dem Kopf zu nicken. Als er den Raum betrat, hatte sich Goose im hinteren Teil des Raumes auf eines der überdimensionalen Sitzkissen gefläzt und schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Kretze suchte das Zimmer mit seinen Augen ab. In den letzten Jahren hatte er eine absurde Paranoia entwickelt, die das Betreten von Räumen betraf. Kretze stellt an diesem Abend jedoch beruhigt fest, dass es in der letzten Woche keine auffälligen Veränderungen des Interieurs gegeben hatte. An den Wänden hingen noch immer die Kartoffel-Stempel-Bilder der „Raupen“, und die Regale darunter waren wie immer mit Papier, Stiften und allerhand Bastel- und Glitzerkram vollgestopft. Zwergenstühle stapelten sich in den Ecken. Auf dem niedrigen Tisch in der Mitte des Raumes stand alles bereit, wie er es gewohnt war: Auf der grünen Matte lagen die Blinds, die Karten und die Poker-Chips. Wie zu Beginn jedes ihrer Treffen übernahm Leo zunächst die Rolle des Dealers. Geschickt mischte er die Karten. Dann warf er Kretze einen Blick zu und deutete mit dem Kopf zu Goose, der noch immer schmollte. Kretze seufzte, setzte sich auf einen der Mini-Hocker und zog zwei weitere Sixpacks und eine große Packung Yes-Torty aus seinem Rucksack. Er packte eines der kleinen Törtchen aus und balancierte es auf seiner Handfläche in Richtung Goose, vor dem er sich schließlich theatralisch verbeugte, während er ihm die kleine Köstlichkeit überreichte. Goose funkelte ihn an. „Jetzt sei nicht wieder so ein Emotionsbrötchen!“ warf er Goose zu, dem klar war, dass Kretze sich für seine Verhältnisse bereits überaus großzügig entschuldigt hatte. Goose schnappte das Törtchen, stopfte es in seinen Mund und gesellte sich an den Tisch.

Sie spielten zunächst mit niedrigen Einsätzen. Goose verhielt sich wie immer zurückhaltend und ziemlich berechenbar, erhöhte nur, wenn er mindestens eine Straße hatte. Kretze spielte heute noch aggressiver als sonst und bluffte, was das Zeug hielt. Aus den Boxen dröhnte indessen das „Ten“-Album von Pearl Jam. Einzig Leo behielt – ebenfalls wie immer – sein Pokerface. Er zeigte bei einem Full House auf der Hand genauso wenig Reaktion wie bei einem schlechten Blatt.

Nachdem Kretze sich zum zweiten Mal kräftig verzockt hatte und wieder in das Spiel einkaufen wollte, zog er eine Flasche Champagner aus seinem Rucksack. Goose blickte irritiert zu Leo, der nur mit den Schultern zuckte. Freddie Mercury trällerte gerade „…nothing really matters to me…“, während Kretze in sichtlicher Feierlaune den Korken knallen ließ. „Seit wann trinken wir Champagner?“ fragte Goose. Kretze ignorierte ihn und erhob sich: „Gentlemen, heute ist ein besonderer Tag! Ich feiere den Tag der Freiheit!“ Kretze blickte in verständnislose Gesichter. „Nachdem ich letztens gekündigt habe, bin ich nun endlich auch meine verschrumpelte Alte losgeworden!“ Er erwartete nichts geringeres als Applaus für seine Lebensentscheidungen. „Haben die nicht DIR gekündigt?“ fragte Leo stattdessen trocken, während Kretze die Plastikbecher füllte, die seine Freunde noch mehr überraschten als der Champagner. Kretze schüttelte den Kopf und sagte verärgert: „Ach ist doch egal, wer, wen – Hauptsache, ich bin den Verein los!“ Er hob seinen Becher, sagte „Prost!“ und kippte es aus Ex, bevor Goose und Leo ihre Becher überhaupt in den Händen hielten. „Und wieso hast du mit Mandy Schluss gemacht?“ fragte Goose, der nicht verstand, dass Kretze auch diese Geschichte zu seinen Gunsten beschönigt hatte.

Als Kretze später zum Pissen vor die Tür ging, steckte Leo Goose, dass Mandy das mit der Kündigung endlich rausgekriegt hat, und da sie ohnehin vor allem hinter seinem Erfolg und seinem Geld her gewesen sei, sei sie alles andere als begeistert gewesen, nun mit einem Verlierer verheiratet zu sein: „…die zieht ihn bei der Scheidung bestimmt aus bis aufs letzte Hemd…“ schätzte Leo.

Kretze kam wieder in den Raum zurück, zog seinen Autoschlüssel aus der Tasche und legte ihn in die Mitte des Tisches: „Ich setze meinen Mercedes“ Goose und Leo starrten ihn an. „…natürlich nur für ein Wochenende – ich bin doch nicht bescheuert“ fügte er hinzu, woraufhin sich die Münder seiner Freunde wieder schlossen.

21:16 Uhr

Metallica brüllten „Enter Sandman“. Kretze wühlte in seinem Rucksack herum und förderte ein Tütchen zutage. Leo hatte erneut den Pot gewonnen und Kretze neben seinem Mercedes auch sein Ferienhaus auf Rügen verloren. Doch seine Augen strahlten eine seltsame Gier nach mehr aus. Mehr Gewinn, mehr Verlust. Mehr von allem.

„Na Freunde, Lust ein bisschen Leben in die Bude zu bringen?“ Goose schüttelte schockiert den Kopf. Seine Grenzen waren mit dem Konsum von Bier und Glücksspiel in einer Kita längst ausgereizt. Sie führten zu einer Balance, die ihm zuvor in seinem Leben gefehlt hatte. Doch bereits der Anblick dieses Tütchens brachte alles wieder aus dem Gleichgewicht. Es war nicht zu übersehen, dass Goose mit der Situation überfordert war. Auch Leo reagierte alles andere als erfreut: „Mensch Kretze, was soll der Scheiß? Das ist eine verdammte Kita – wenn die Zwerge oder meine Kollegen was davon finden, bin ich geliefert!“ zischte er Kretze an.

„Ihr seid solche Weicheier. “ erwiderte Kretze genervt. „Das ist mir ehrlich gesagt scheißegal,“ erwiderte Leo „pack das Zeug wieder weg!“

„Leo hat Recht!“ Goose war aufgesprungen, sein Gesicht war gerötet, er atmete heftig. „…wenn die Kleinen das Zeug finden…!“ Kretze grinste verschmitzt und schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht lustig!“ brüllte Goose. „…die können verfickt nochmal daran sterben, du Arschloch!“

„Jetzt kommt ma wieder runter…“ nun war es Kretze, der beleidigt und auch ein wenig enttäuscht war. Der Tag hatte beschissen begonnen, er sollte wenigstens glorreich enden.

23:55 Uhr

Leo kroch auf dem Boden, wie seine Schützlinge aus der Krabbelgruppe, nur viel langsamer. Er schien sich in Zeitlupe zu bewegen, tastete mit der linken Hand den Teppich ab. Auf dem Boden lagen Poker-Chips, Bierdosen, Aufschnitt, Plastikbecher, Erdnüsse, Buntstifte und ein zerdrücktes Yes-Torty. Es roch nach schalem Bier und Salami.

„…Anthony Edwards, das… der die Rolle des Goose spielte, war übrigens der einzige, der bei den Flügen in den echten Jets nich kotzen musste…“ Goose lag auf dem Sitzkissen in der Ecke, hob seinen Zeigefinger und lallte. Anschließend versuchte er mit einer Bierdose einen Airball in den Papierkorb am anderen Ende des Raumes hinzubekommen. Der Versuch scheiterte kläglich. „…meiner bescheidenen Ansicht nach is Goose ohnehin der wahre Held!“

„Ich dachte, der Goose stirbt schon nach der Hälfte des Films.“ Kretze headbangte zu Rage against the Machine durch den Raum und zog zwischendurch an seinem Joint. „Eben“ antwortete Goose. „Habt Ihr auch so nen Hunger?“ fragte Kretze plötzlich und verließ, ohne auf eine Antwort zu warten, das Zimmer in Richtung Küche. „Da is sie ja!“ rief Leo und hielt eine Scheibe Wurst in die Luft. Kurze Zeit später kam Kretze zurück. „Hab statt Essen nur die beiden vor der Tür vorgefunden.“ Er deutete in Richtung Eingangstür. „Hatte ganz vergessen, dass ich die zwei auf Zwölf Uhr bestellt habe…“ er lachte laut los. „Komm Leo, lass die Miezen mal rein.“

„Oh schade, ich hab aber noch Hunger…“ gab Goose von sich, dann setzte er seine Brille wieder auf und begann zu lachen.

02:05 Uhr

„…eigenlich stör es mich nich, dass Issi mehr verdien als ich.“ Leo trank einen Schluck und fuhr fort. „Aba irganwie stör es mich doch…“ Er drehte seinen Kopf und blickte in ihre Augen. „Verstehs du das?“ Sie nickte und strich über seine Haare.

„Ey, Kretze, komm ma runda da – das häl dich nich a….“ „aus“ wollte Goose sagen, aber da krachte Kretze auch schon durch das Regal zu Boden. Goose begann zu kichern und bald schallend zu lachen. Die Brünette zwischen seinen Beinen hob kurz den Kopf.  

„Halts Maul du Flachzange, oder du lernst meinen Roundhouse-Kick kennen!“ brüllte Kretze in einem Ton, der Goose zum Schweigen brachte. Kretze war immer ein Maulheld gewesen – schon damals auf dem Schulhof. Ein Aufschneider, Egomane und Narzisst, aber Gewalt hatte nie zu seinem Repertoire gehört. Doch selbst in seinem alkohol- und drogengeschwängerten Hirn war Goose sofort klar, dass Axel Kretzberger es heute ernst meinte. Er schluckte. Kretze stand auf und Goose konnte sehen, dass sein Knie eine Schnittwunde aufwies. Von seiner Stirn lief ein rotes Rinnsal über seine Nase. Kretze schien es überhaupt nicht zu bemerken.

„Leude, was soll der Krach?“ raunte Leo vom Schoß der jungen Polin herüber. „Isch bin hia beschäftichd!“ sagte er und maß mit seinen Händen die Körbchengröße der Prostituierten ab.

Kretze wankte zu seinem Rucksack, zog ein weiteres Tütchen und einen metallenen Gegenstand heraus, der Goose den Atem stocken ließ. Die Polin stieß einen unterdrückten Schrei aus. „Ich habs so satt mir von allen das Leben versauen zu lassen!“ grunzte Kretze und hielt den Gegenstand in Richtung Decke. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchflutete ihn als er den Abzug drückte.

Freitagmorgen, 6:45 Uhr

Wie jeden Freitagmorgen steckte Anke Zemelt als erste den Schlüssel in das Schloss. Doch dieses Mal stellte sie irritiert fest, dass die Tür bereits aufgeschlossen war. Im Flur lagen eine leere Packung Gouda, eine Wurstscheibe und eine Menge Sand. Anke hob die Verpackung und den vertrockneten Wurstrest auf und ärgerte sich einmal mehr über die Reinigungskraft. Sie schaltete die Lichter im Büro an und rief laut „Hallo Inga, bist du da? Leo? Hanni?…“, doch niemand antwortete. Nachdem sie ihre Jacke aufgehängt und die Kaffeemaschine angeschaltet hatte, nahm sie seufzend einen Besen und kehrte den Sand im Flur zusammen. Danach lief sie durch die Gruppenräume und schließlich in Richtung „Chaos-Küche“. Dort brannte Licht. Sie stutzte, trat vorsichtig um die Ecke und schrie auf.

Nachdem die Erzieherin die Polizei verständigt hatte, stellte die Spurensicherung der Polizeidienststelle Linsengericht-Lützelhausen später im Zusammenhang mit der Untersuchung der vier Leichen auch diverse Betäubungsmittel sicher. Zwei der Männer sowie eine weibliche Person wiesen tödliche Schusswunden auf, eine weitere männliche Person starb offensichtlich an einer Überdosis GHB in Kombination mit übermäßigem Alkoholgenuss. Der Tathergang konnte abschließend nicht eindeutig rekonstruiert werden. Nach einem umfassenden DNA-Abgleich fand die Polizei jedoch heraus, dass sich neben den tot aufgefundenen drei Männern und einer Frau noch eine weitere Person zum Tatzeitpunkt in der Kindertagesstätte aufgehalten haben musste, von der jede Spur fehlte. Aufgrund der um und auf den Leichen verbreiteten Wurst- und Käsescheiben wurde der Fall in der Presse als „Wurst-Käs-Szenario“ bekannt.

Vielen Dank fürs Lesen. Wenn Euch meine Geschichte gefallen hat, spendiert mir doch einen Cappuccino (Paypal-Link). Herzlichen Dank!

© „Das Wurst-Käs-Szenario“, Kurzgeschichte von Tina Lauer, 14.04.2020

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